(…)
mein schreiben war immer moralisch pathetisch, sagt der dichter widhalm fritz.
mein schreiben war immer auf eine charmante und amüsante art und weise ernsthaft, sagt der dichter widhalm fritz.
mein schreiben wollte nie das spiel sein, sondern immer und überall welt bedeuten, sagt der dichter widhalm fritz.
an dieser stelle lacht der dichter schelmisch, da ihm der größte teil welt immer fremd war und blieb.
auch der größte teil fritz war ihm immer fremd und ist es bis heute geblieben.
fremd ist kein problem. als fritz bin ich immer auf der suche nach fremd. fremd hilft mir fritz zu sein, fritz hilft mir fremd zu sein. und es bedeutet immer und überall welt.
ohne fremd keine welt, sagt der dichter widhalm fritz, wir sollten das fremde immer und überall freudig begrüßen.
ohne fremd kein denken. der dichter widhalm fritz amüsiert sich gerne. das denken ist ihm eine freude, ernsthaft charmant schreitet es in alle denkbaren richtungen.
das denken sollte nie besonders schnell sein, nein, es sollte sich immer und überall im fußgeher*innentempo bewegen, denkt der dichter widhalm fritz moralisch pathetisch.
wurscht.
eigentlich wollte ich über meine nicht mehr funktionierenden ohren schreiben. ich bin nun fast 67 jahre alt und beschäftige mich gerne mit dem nichtfunktionieren, dem gewollten nichtfunktionieren und dem altersbedingten nichtfunktionieren, wobei die trennlinie zwischen beiden nicht wirklich klar zu ziehen ist.
es gibt viele arten von altersbedingten gewolltheiten oder gewollten altersbedingheiten.
meine schönheit ist gewollt, sagt der dichter widhalm fritz charmant.
meine schönheit ist altersbedingt, sagt der dichter widhalm fritz amüsiert.
close
(...)
es sind mehr tränen über erhörte gebete als über nicht erhörte gebete vergossen worden.
dieses zitat wird der heiligen teresa von ávila zugeschrieben. was wollte die heilige den gläubigen wohl damit sagen?
das zitat liest sich nicht so, als würde es sich bei den vergossenen tränen um tränen der freude handeln.
nein, ich lese keine bücher über heilige oder von heiligen, das zitat ist mir in einem buch über hank williams begegnet. ich habe natürlich gleich im netz nachgelesen, wer diese heilige war. also sie hieß eigentlich teresa sánchez de cepeda y ahumada und lebte von 1515 bis 1582 in spanien. in ávila wurde sie geboren, deshalb der name, aber angeblich nannte sie sich selbst, nachdem sie 1935 in den orden der karmelitinnen eingetreten war, teresa de jesús.
teresa gilt als große mystikerin. 1614 wurde sie seliggesprochen, 1617 zur schutzpatronin von spanien ernannt und 1622 heiliggesprochen. 1944 wurde sie von papst pius XII. zur schutzpatronin der schachspieler erklärt. am 18. september 1965 ernannte paul VI. teresa zur patronin der hispanischen schriftsteller und am 27. september 1970 als erste frau in der geschichte der kirche zur kirchenlehrerin.
ich bin weder schachspieler noch hispanischer schriftsteller, für mich ist die heilige teresa von ávila sozusagen nicht zuständig. beten tu ich auch nicht, also muss ich auch keine tränen über erhörte gebete vergießen. mir kann es wurscht sein, aber was ging ihm kopf der heiligen vor, als sie zur dieser erkenntnis kam?
war sie mehr skeptikerin als mystikerin?
oder war sie einfach eher eine verfechterin des strafenden als des gütigen gottes?
egal. gott ist tot, sagte nietzsche, der inzwischen auch schon lange tot ist.
hmm. eigentlich wollte ich über meine nicht mehr funktionierenden ohren schreiben.
close(...)
closeund weiter gehts
closeich öffne meinen mund
closedu öffnest deinen mund
closeund wir benutzen die sprache
closewir schaffen mehr raum
closefür worte, sagst du
closeich leg mir fragen bereit
closeund wir denken
closeeinen moment nach
closeund dieser moment
closefindet einen fehler
closeimmer
closefindet er einen fehler
closewir wollen alle radikal sein
closedas ist ja immer so erfrischend
closeund die kunst muss radikal sein
closeund was bist du?, fragst du
closemal zick mal zack, sage ich
closemal tick mal tack, sage ich
closewir werden sehen
closewas uns alles noch einfällt
closeund weiter gehts
closelange haben wir nicht mehr zeit
closedie welt zerrinnt
closedali, sagst du
(...)
11.06.2023. sonntag. mit ilse im kongressbad schwimmen. na ja, zumindest ilse schwimmt, ich lese. das wetter sieht nach regen aus. das büffett im kongressbad ist wie meistens bei eher düsterem wetter geschlossen. zum glück waren wir vorher im caféhaus frühstücken. ich habe mir zum lesen das buch "streitschrift gegen alle!" von hermann hakel mitgenommen. untertitel: "vom eipeldauer zum götz von berlichingen. hundertfünfzig jahre wiener witzblätter mit zahlreichen texten und karikaturen aus dem götz von 1919 - 1934". das buch ist 1975 beim verlag jugend & volk in der reihe "wiener themen" erschienen. ich habe es vor ein paar tagen in einem öffentlichen bücherschrank entdeckt. hermann hakel hat eigentlich nur die beiden kapitel "eigenart des wiener witzblattes" und "die wiener witzblätter vom eipeldauer bis zum götz von berlichingen" geschrieben, der größte teil des buches besteht aus texten und karikaturen aus dem "götz von berlichingen". ein*e unbekannte*r autor*in schreibt in einem artikel mit dem titel "der nazi":
politisch sind sie ganz rechts, rechtser, am rechtesten, denn nullen müssen sich immer ganz rechts halten, um überhaupt etwas zu gelten. ohne eine ziffer vorne gelten die nullen nichts und das wissen sie und rufen auch so dringend nach einem führer.
und ein*e gewisse*r schnidi, der oder die sich manchmal auch schnidibumpfel nennt, schreibt unter dem titel "das jahr 1934 / prophezeiungen für das dritte reich":
die deutschen brauereien werden ein besonders konzentriertes bier brauen und unter dem namen "konzentrationslager" auf den markt bringen.
einige der mitarbeiter*innen des götz wie peter hammerschlag und fritz löhner, der unter dem pseudonym beda schrieb, wurden später von den nazis in konzentrationslagern umgebracht. auch der dichter josef weinheber gehörte zu den mitarbeiter*innen des götz, er wählte einen anderen weg, er schloss sich den nazis an und beging 1945 beim einmarsch der roten armee in wien selbstmord.
1944 war er von adolf hitler in die gottbegnadetenliste mit den wichtigsten schriftsteller*innen des ns-reiches aufgenommen worden.
ich habe mir diese lange liste angeschaut, sie unterteilt sich in erstens) die gottbegnadeten künstler*innen, zweitens) die uk-gestellten künstler*innen, also künstler*innen, die als unabkömmlich eingestuft wurden und dadurch vom wehrdienst befreit waren, diese befreiung war aber eine befristete und konnte jederzeit widerrufen werden, und drittens) im rüstungseinsatz stehende künstler*innen, die aber gelegentlich für künstlerische arbeiten freigestellt wurden.
josef weinheber war anscheinend ein mensch, der alles dafür tat, berühmt zu werden. im jahr 1926 äußerte er: ich will nicht ein lyriker sein, ich will 'der' lyriker sein. wenn lyrik gesagt wird, soll es weinheber heißen, weinheber und lyrik ein und dasselbe. als er dann 1936 in münchen den mozartpreis erhielt, schienen ihm zweifel an diesem weg zu plagen, in seiner dankesrede äußerte er: ich bin nun im gewissem grade zu namen gekommen. aber der ruhm scheint mir doch wohl im großen und ganzen ein missverständnis zu sein. wenn ich mir heute die urteile über mein werk ansehe, sehne ich mich manchmal nach den traurig-schönen zeiten meiner ausgestoßenheit zurück. was ihn aber nicht davon abhielt, 1938 hitlers buch "mein kampf" als dasjenige buch, das uns deutschen, allen deutschen in der welt, das bewusstsein unseres wesens, unserer kraft, unserer größe und unserer pflicht wieder zurückgegeben hat zu bezeichnen. sein ehemaliger lektor ernst stein, der in der nazizeit nach london emigrierte, schrieb in der zeitung "die zeit" über weinheber: als ihn über nacht der ruhm antrat - bald nach 1933 - ging der mensch an dem zweischneidigen erfolg zugrunde.
ich kann den meisten gedichten von josef weinheber nicht viel abgewinnen, trotzallem werde ich jetzt ein wort aus seinem im götz von berlichingen veröffentlichten gedicht "ach ich österreicher..." in meine liste schöner wörter aufnehmen, es lautet: qualverknorrt.
ja, qualverknorrt ist wahrlich ein schönes wort.
closeautomat
closebanane
closecystofix
closedudeln
closeetcetera
closefeiertag
closeguglhupf
closehumoralpathologie
closeidiokratie
closekremšnita
closelaufvogel
closemeschugge
closenudismus
closeprostata
closequalverknorrt
closesirene
closeschwarzweißscan
closestuhlgang
closeuups
closevampyropoda
closewiederholung
closeyksbadral
closezimmerfahrradfahren
das fahren bei zimmerfahrradfahren habe ich gestrichen, es stört mich schon seit längerer zeit, ich denke das wort zimmerfahrrad ist auch ohne fahren ein schönes.
im gedicht "ach ich österreicher..." von josef weinheber reimt sich das wort qualverknorrt mit dem wort abort.
closedann sitz' ich endlich qualverknorrt
closean meiner schreibtischgruft.
closegemeinschaftsküche und abort
closebestimmen hier die luft.
der dichter widhalm fritz sitzt nie qualverknorrt an seinem schreibtisch, den er auch mitnichten als gruft bezeichnen würde. der dichter widhalm fritz liebt seinen aufgeräumten schreibtisch und sitzt gerne an ihm.
im buch "streitschrift gegen alle" befand sich auch ein zettel mit einem hektografierten gedicht. die letzte zeile des gedichts, war mit einer schreibmaschine nachträglich angefügt worden. außerdem befinden sich einige handschriftliche korrekturen darauf, z.b. wurde greisler mit kugelschreiber zu greißler ausgebessert.
closestossgebet aus dem 20. jahrhundert.
close(verfasst von einem hungerleider!)
closeauf zum himmel bittend heben
closewir die hände jammervoll
closelass uns erst im ew'gen leben
closeherr, empfinden deinen groll.
closelass, o gott von deiner gnade
closeuns nur fühlen einen hauch,
closemache, dass der greißler habe
closebutter, speck und zwetschken auch.
closelass den brotlaib grösser werden,
closemach' die schweine dick und fett.
closesemmeln, frische braune semmeln!
closeach, es wär zu lieb und nett.
closelass die kühe kälber kriegen
closegleich auf einmal neun
closeund in einem halben jahre
closewird das kalbfleisch billig sein.
closehühner sollen eier legen
closezahlreich wie der sand im meer,
closejeder dotter möge wiegen
closeeinen halben kilo schwer.
closelasse milch vom himmel regnen
closewie das wasser kühl und frisch,
closedass kaffee und mürbe semmeln,
closezieren unsern morgentisch.
closenimm die lebensmittelwuchrer
closealle in den himmel ein,
closedankbar werden wir dich loben,
closewerden froh und glücklich sein.
closewillst du aber nimmer hindern
closedieser zeiten schreckenslauf
closenun, dann nimm uns alle selber
closegnädig in den himmel auf,
closedenn dort oben bei den sternen
closewesenlos als himmelskind
closebrauchen wir nichts mehr zu essen
closeweil wir schon verhungert sind.
die frage ist, lag dieser zettel von anfang an allen büchern bei? oder wurde er wirklich von einem unbekannten dichter speziell diesem einen exemplar beigelegt? ich habe bei angeboten von antiquariaten nachgesehen, da findet dieser zettel nirgends erwähnung, also ist er höchstwahrscheinlich doch ein unikat. egal, der dichter widhalm fritz liebt diesen zettel sehr.
ein neues foto für meine serie "o death":
close
dieses gerippe steht am grab des bürgerlichen glasermeisters florian rehle, der von 1811 bis 1850 in salzburg lebte.
gerippe haben keine ohren.
ich habe ohren.
doch sie funktionieren nicht besonders gut.
ich habe hörgeräte um zu hören.
die sind okay, aber ohren sind sie keine.
wie bitte?
die sind okay, aber ohren sind sie keine.
wie bitte?
DIE SIND OKAY, ABER OHREN SIND SIE KEINE!
na ja, zweier- oder dreiergespräche gehen so halbwegs, aber größere gruppen sind schwierig, sehr schwierig.
ich höre entweder zu viel und versteh nix.
oder ich höre zuwenig und versteh nix.
volle wirtshäuser sind sowieso ein no go.
wie bitte?
volle wirtshäuser sind sowieso ein no go.
wie bitte?
VOLLE WIRTSHÄUSER SIND SOWIESO EIN NO GO!
diskussionen ebenso.
lesungen sind anstrengend.
konzerte ebenso.
na ja, was solls, besser wird es nicht mehr werden.
es gibt menschen, die kann ich nicht hören, auch mit hörgeräten nicht.
und es gibt menschen, die ich ganz gut hören kann, auch ohne hörgeräte.
es ist nicht allein die lautstärke, obwohl die manchmal hilft. okay, um menschen, die flüstern und säuseln, mach ich lieber einen großen bogen. aber es gibt auch menschen, die durchaus laut sprechen und trotzdem für mich unverständlich bleiben.
wie bitte?
manche menschen brüllen mir dann ins ohr, was aber eigentlich nicht wirklich zielführend ist.
WIE BITTE?, brülle ich dann zurück.
aber eigentlich will ich gar nicht über DIE OHREN sprechen.
ich will lieber über DAS WETTER sprechen.
WOLKEN!, sage ich.
VERMEHRT WOLKEN!, sage ich.
und dann sage ich:
ALLES LIEBE & VIEL SPASS!
(...)
15.06.2023, übermorgen fahren ilse und ich für 14 tage nach triest.
wir können in der schriftsteller*innenwohnung der literar mechana wohnen.
fritz, also ich, glaube ich zumindest, hat schon die wohnung geputzt. fritz liebt es, in eine geputzte wohnung zurückzukehren. batterien für meine hörgeräte habe ich auch besorgt. na ja, in triest gibt es sicherlich auch eine menge schwerhöriger menschen und ergo auch batterien für hörgeräte. aber egal, sicher ist sicher. wehe, du fährst ohne batterien, hat ilse gesprochen. hugh. ich habe ihr zwar frech geantwortet, brauch ich doch nicht, ich versteh eh kein italienisch, aber natürlich brav batterien gekauft.
fritz macht fast alles, was ilse sagt. so ist es und so soll es sein.
morgen werden die rucksäcke gepackt und übermorgen um 6 uhr 18 in der früh geht unser zug. gähn. 6 uhr 18 ist wirklich sehr früh. der dichter widhalm fritz ist kein frühaufsteher, aber was solls, irgendwo wird er schon einen kaffee herkriegen, um wach zu werden und zu bleiben. außerdem wird er sowieso schlecht schlafen, das tut er immer, wenn er nächsten tag verreisen darf. gähn. nervosität hilft auch dabei, wach zu sein und wach zu bleiben.
ilse und ich waren schon des öfteren in triest, das ist gut für menschen wie mich. etwas bereits zu kennen hilft. ich werde einfach die ganze zugfahrt über wach und fröhlich sein und ilse beim seelenruhig schlafen bewundern. ilse schläft gut im zug. so ist es und so soll es sein.
ich bin ganz gelassen. oder etwa nicht?
in ilses zimmer muss ich noch den vorhang aufhängen, damit die wohnung sich nicht zu sehr erwärmt. damit muss ich aber warten, bis ilse von der akupunktur zurückkehrt, sie hat mir verboten allein auf leitern herumzuturnen.
also warte ich jetzt ganz entspannt auf ilse.
die einladungskärtchen für die präsentation unseres neuen comic "du siehst ja eh noch ganz okay aus. oder etwa nicht?" habe ich auch bereits fertig adressiert. eigentlich habe ich heute nichts mehr zu tun.
also tue ich ganz entspannt nichts.
nichts?
nichts macht mich etwas nervös, aber was solls, dann bin ich eben ganz entspannt etwas nervös.
das ist kein problem für mich.
nichts.
nichts.
NICHTS!
ich mach mir jetzt einen kaffee.
kaffee beruhigt meine nerven, glaube ich zumindest.
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