Kapitel 103: Arbeit! |
Ich schließe hier mit dem Kapitel 103 direkt an das Kapitel 102 "Arbeit?" an, das mit einem Hinweis auf einen Text von Inger Christensen endet. Schließlich, schreibt sie, soll nicht nur das Kapital bestimmen, was Arbeit ist. Arbeiten kann auch so etwas sein, wie die Lebensfreude intakt halten. In einem ganz frühen Text von mir stand die folgende Frage: An diese Frage und an die Worte von Inger Christensen dachte ich, als ich neulich an einem sogenannten Naturlehrpfad lustwandelte, wo die Arbeit der Bienen erklärt wurde: Wie viele Blüten sie anfliegen, um eine bestimmte Menge an Honig erzeugen zu können, welche Distanzen sie zurücklegen, wie wichtig sie für die Pflanzen sind undsoweiterundsofort. So wurde die Arbeitskraft der Bienen als ein wichtiger Grund dafür dargestellt, dass wir Bienen schätzen und schützen sollen, denn, nein, wir profitieren nicht nur von ihrer Honigproduktion, sondern sie "dienen" auch als Bestäuberinnen von Blüten, also, wir verdanken ihnen Äpfel, Birnen, Bohnen, Erbsen, Erdbeeren, Himbeeren, Karotten, Kirschen, Pflaumen, Tomaten, Sonnenblumenkerne und Thymian. Gerste und Hopfen verdanken wir den Bienen nicht, also Bier gäbe es auch ohne Bienen, Wein übrigens auch. Dazu ein kleines Gedicht von mir, es beginnt nicht mit der Frage nach dem Gras und seiner Arbeit, sondern mit meinem Haar: Arbeit Leistet das Haar eine Arbeit beim Wachsen? Leistet der Traum meine Arbeit beim Schlafen? Leisten gebrochene Knochen Arbeit beim Heilen? Leistet das Bier eine Arbeit beim Gären, frag ich die Hefe, Das Gedicht ist alt. Ich habs in einem alten Tagebuch gefunden. Nur die Strophe über die Knochen habe ich eingefügt, aus gegebenem Anlass. Ganz froh macht es mich nicht, das Gedicht, aber es illustriert ganz gut, dass nicht jede Arbeit Arbeit ist, oder, besser gesagt, dass Arbeit sich unterscheidet. Warum es mich nicht ganz froh macht? Es ist inhaltlich ein bisschen unscharf, ist aber für seine Unschärfe zu lang. Oder zu kurz. Es muss so etwa 20 Jahre her sein, dass ichs geschrieben habe. Ich lasse es mal so stehen. Meine eigenen Gedichte darf ich ja auch unscharf stehenlassen, und dabei an ihnen rumkritisieren. Das ist ein Vorteil, wenn man eigene Gedichte hat. Und ja, es gibt Handarbeit und Beinarbeit beides ist mehr als Hand und Bein vermögen. Dass ein Anagramm aus Arbeit nicht nur das Bratei ergibt, das mir bislang unbekannt ist, sondern auch den Beirat, der mir nicht unbekannt ist, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, auch nicht, dass alles zur Arbeit werden kann, manchmal will, manchmal muss: Sich kümmern zum Beispiel, das nicht unbedingt mit Kummer zu tun hat, manchmal aber eben schon. Auf jeden Fall ist das sich kümmern sehr wichtig, ja auf jeden Fall. Vielleicht könnte man es auch als hüten lesen, als behüten. Und dazu gehört auch die Reparatur. Behüten vor dem Kaputtgehen sozusagen. Behüten hat etwas sehr Freundliches, sage ich, die ich nie Hüte trage. Übrigens: Die physikalische Größe Arbeit beschreibt jene Energie, die durch die Einwirkung einer Kraft entlang eines Weges von einem physikalischen System aufgenommen oder abgegeben wird. Also Arbeit ist gleich Kraft mal Weg. Auch eine Definition. Ein kleines Gedicht von Ernst Herbeck skizziert ein kleines Pflichtbewusstsein dem Leben gegenüber. Pflicht und Neigung begegnen sich, und die Arbeit hält sich fern, obwohl sie ein bisschen in das Wort Pflicht hineinzwinkert. Wir Lebenden Wir Lebenden haben nur eine Pflicht; - die Zeit zu verwerten. Und damit komme ich zum Abschluss dieses etwas konfus geratenen Kapitels. (Ich werde mich bessern, versprochen.) Den Abschluss bildet ein Zitat, wiederum aus dem Buch "Teil des Labyrinths" von Inger Christensen, dort befindet es sich in Teil IV der winterlichen Notizen für ein Sommerprojekt. Das Zitat ist eine Überschreibung des § 75, Abs. 1 aus dem Dänischen Grundgesetz, der wie folgt lautet: "Zur Förderung des Gemeinwohls muss angestrebt werden, daß jeder arbeitsfähige Bürger die Möglichkeit hat, zu Bedingungen zu arbeiten, die sein Dasein sichern". Und nun eine der von Inger Christensen vorgenommenen Verwandlungen dieses Satzes: Zur Förderung des Gemeinwohls muss angestrebt werden, daß jeder arbeitsfähige Bürger die Möglichkeit hat, zu Bedingungen zu phantasieren, die sein Dasein erhellen. Also? Die Botschaft war klar. |